Samstagmorgen

Den Gatten habe ich nach einem Morgenkaffee und seinem Frühstückstoast auf dem Balkon schon vor einer Weile zur Arbeit geschickt. Ich dagegen sitze nach diversen kleineren Verrichtungen immer noch untätig auf dem Balkon herum und genieße die morgendliche Kühle und bestaune alles, das um mich herum fliegt und brummt und das genießt, das ich für Biene, Hummel & Co. in luftiger Höhe gepflanzt habe. Anscheinend habe ich den Geschmack getroffen.

An sich könnte ich sehr zufrieden sein, denn der Moment ist gerade gut. Aber ich kann mich nicht in Frieden lassen.
Ich kann nicht still sitzen. Ich kann nicht nichts tun.
Eine komische seltsame Instanz in mir meint, mir würde ohne das ich etwas tue, jegliche Lebensberechtigung entzogen.
Wenn ich nichts tue, bin ich nichts wert.
Wenn ich wirklich mal nichts tue, muss ich mich mit schlechtem Gewissen bestrafen.
Das muss man mir ganz früh irgendwo irgendwie ins Hirn … in die Seele … ins Ich gepflanzt haben. Es ist ganz fest verwurzelt und lässt sich nicht ausreißen … ausrotten.

Selbst während ich hier schreibe, was an sich auch nichts tun ist, weil im Zweifel mache ich es für mich selbst und das ist nichts … nicht wichtig, arbeitet ein anderer Teil in mir und überlegt, was ich machen muss, um meine Pflicht erfüllt … meine Daseinsberechtigung erfolgreich verlängert zu haben.
Ganz schön starker Tobak.

Vielleicht ist heute ein guter Tag mich im Nichtstun zu üben …

… aber erst nachdem ich Staub gesaugt und das eine oder andere von A nach B sortiert habe. Ich könnte auch noch zwei Briefe an die Versicherungen schreiben, mir Gedanken darüber machen, wie ich die Teile des Lebens meiner Mutter weiter sinnvoll verwalte und was als nächstes getan werden muss. Die Steuererklärung muss auch noch gemacht werden.

Ich muss los! Nichtstun!

P.S. Wenn ich mich erfolgreich im Nichtstun geübt habe, versuche ich mit Nichts denken … fiel mir gerade beim Staubsaugen ein …

Was inzwischen geschah:

Das Wichtigste zuerst – Ich habe die Macht!

Die Vorsorgevollmacht für meine Mutter, die seit Ende April im Pflegeheim ist. Es war ein langer, anstrengender Weg dorthin. Aber nun liegt sie dort warm, wird regelmäßig trocken gelegt, weil sie nicht mehr in der Lage ist zu gehen oder zu stehen, geschweige denn aktiv zu sitzen … nein, ihr ist nichts Dramatisches passiert, sie ist körperlich auch nicht krank, wenn man von ein bisschen Arthrose hier und da absieht (da klemmt es bei mir an eindeutig mehr Stellen), nein, sie hat sich einfach zu wenig bewegt, zu viel im Bett gelegen, sodass sich alle Muskulatur von Dannen gemacht hat, das vermutlich sogar irreversible, verweigert sich sämtlichen Therapien, die mehr von ihr fordern als irgendwelche Schmerzmittel zu fressen zu nehmen und benimmt sich wie im Hotel … „Zackzack, nun machen Sie mal. Schließlich bezahle ich Sie!“
Nachts zum Beispiel klingelt sie, weil sie den Rücken gekrault haben möchte.
Ich bin mir aber sicher, dass sie sie dort noch einnorden werden und sie begreifen wird, dass es so nicht funktioniert.

Leider bin ich nicht schnell genug weggelaufen und habe den ganzen Mist jetzt an der Backe, aber langsam müsste ich jedem, der es wissen muss, gesagt haben, dass die Post jetzt an mich geht (Dank neuer Datenschutzverordnung dürfen sie im Pflegeheim noch nicht einmal ihren Briefkasten, den sie dort eigentlich hat, leeren. Sie selbst kann ja nicht zum Briefkasten, aber selbst wenn sie könnte, wäre sie mit den Dingen überfordert) und alle offenen Rechnungen bezahlt sein.
Die Wohnung ist zu Ende August gekündigt (sie ist nur unter der Bedingung ins Heim gegangen, dass nach Hause darf, wenn sie wieder fit ist. Zum Glück hat sie am 3. Mai festgestellt, dass sie gar nicht mehr nach Hause will/kann (da war es natürlich zu spät für eine Kündigung bis Ende Juli … Geld sparen war noch nie ihre Sache) und hat mir voller Freude erzählt, als ich gesagt habe, dass es mir gerade nicht so gut geht, das es mir noch viel schlechter gehen wird, weil ich noch ganz viel für sie tun muss …)
Telecom und Versicherungen habe ich auch schon gekündigt. Mal sehen wann uns wer früher aus den Verträgen lässt.
GEZ ist abgemeldet.
Der Hausnotruf, den sie sowieso nicht benutzt, ist auch gekündigt.
Am 13.06. habe ich eine Termin in Berlin, um sie umzumelden. War in der Tat der früheste Termin, den ich bekommen habe. Ohne Termin geht in Berlin gar nichts mehr. Mir egal. Mit der Online-Vereinbahrung des Termins habe ich die Meldefrist von 14 Tagen eingehalten.
Diverser anderer Klöterkram ist auch schon erledigt.
Irgendwann werde ich mich mit dem Vermieter treffen und sehen, was alles aus der Wohnung raus muss und ob ich und wenn was ich renovieren muss.
Wenn das geklärt ist, kann ich ein Date mit einer Entrümplungsfirma vereinbaren. Kommt alles weg. Will keiner etwas haben. Und ihr Rosenthal Services und das Allerwelts Services von Villeroy und Boch zu verkaufen, da steht der Erlös in keinem Verhältnis zum Aufwand. Ihren heißgeliebten Pelz will auch keiner.

Das ist im Groben das, womit ich mich seit Anfang März beschäftigt habe.

Ich habe auch wieder angefangen zu spinnen, aber dazu gibt es demnächst einen anderen Post.

Jetzt muss ich kochen, weil der Gatte bald kommt und ich muss/darf/will mich aufs Kind freuen, welches wir nachher am Hamburger Hauptbahnhof einfangen und wir ein paar Tage genießen dürfen.

P.S. Ist schon seltsam, wie komisch man angekuckt wird, wenn man sagt, dass die Mutter im Pflegeheim ist. Vielleicht sollte ich mal fragen, wie viele von den komisch Kuckern tatsächlich bereit wären ihren Eltern regelmäßig den Hintern zu wischen …

Kuckuck!

Nee, natürlich war es nicht der Kuckuck, der dieses Blümchen in den Blog gestellt hat. Das war ich schon höchstpersönlich.
Ich dachte, ich könnte den verbliebenen dreieinhalb Lesern damit eine kleine Freude machen. Ist ja doch hübsch hin und wieder etwas anderes zu sehen zu bekommen.

Vielleicht gelingt es mir in nächster Zeit öfter meine Nase aus meinem Bau zu stecken. Zu berichten gäbe es genug, aber dazu müsste ich mich aufraffen (können).

Meine Mutter …

… hat in vierzehn Tagen … in dreizehn Tagen Geburtstag. Weil ich eine nette Tochter bin oder zumindest vorgebe zeitweise eine nette Tochter zu sein, habe ich mir frühzeitig überlegt, dass ich sie zu ihrem Geburtstag besuche, ihr mittags etwas zu essen mache, idealerweise ein wenig mit ihr plaudere, was schon immer schwer fällt, weil sie eigentlich nicht mit mir redet, wenn ich da bin und dann wieder nach Hause fahre.

Frühzeitig überlege ich mir solche Dinge, damit die Bahnfahrt nicht so teuer wird. Dieses Mal hatte ich nur relatives Glück mit den Bahntickets. Zurückfahre ich tatsächlich günstig, hin ist es so ein Mittelding. Gut pro Fahrt kommen immer noch vierfufzig für die Sitzplatzreservierung dazu. Purer Luxus, aber ich mag es, wenn ich beim Einsteigen schon weiß, wo ich sitze.

Als ich vor vierzehn Tagen bei meiner Mutter war, habe ich ihr erzählt, dass ich zu ihrem Geburtstag komme. Eine Reaktion gab es eher nicht, aber das ist nichts Ungewöhnliches. Bis zu ihrem Geburtstag waren es ja noch vier Wochen und sie musste sich darauf konzentrieren, was ich ihr einkaufen soll. Wahrscheinlich hat sie mit sich gerungen, ob sie sich traut mir zu sagen, dass ich ihr eine Flasche Schnaps mitbringen soll (sie traute sich nicht).

Letzte Woche hat mir meine Mutter bei einem unserer morgendlichen Telefonate gesagt, dass ich zu ihrem Geburtstag nicht kommen und ihr auch nichts zu essen machen soll. Sie isst sowieso nicht mehr so viel und überhaupt. Als ich ihr dann erzählte, dass ich die Fahrkarten schon hätte, wurde mir milde zugestanden, dass ich sie besuchen dürfte, aber bloß nichts zu essen machen soll. Und in Zukunft muss ich sie nicht extra besuchen kommen. Ich kann vorbeikommen, wenn ich sowieso etwas in Berlin zu tun habe.

Eine klare Ansage.
Eine wie gewohnt sehr liebevolle und meine Person und mein Tun sehr wertschätzende Ansage. Ich fühlte mich so richtig gut dabei.

Ich habe ihr dann noch gesagt, dass ich sie an ihrem Geburtstag nicht besuchen kommen muss. Ich kann die Stunden in Berlin auch anders verbringen. Zum Beispiel in den Zoo oder Tierpark gehen. Die Tiere freuen sich eventuell über meinen Besuch.

Nach der Erkenntnis, dass ich und mein Tun als Geburtstagsgeschenk nicht willkommen und nicht sicher auch nicht ausreichend sind, habe ich mir nun Gedanken darüber gemacht, was ich ihr zum Geburtstag schenken kann. Mir fiel ein, das sie mir vor Kurzem erzählt hatte, dass sie sich eine Greifzange kaufen möchte. So ein Ding um Dinge ohne Bücken aufheben zu können oder etwas aus der Höhe greifen zu können. Da ich nicht wusste, ob sie das getan hat, habe ich sie heute gefragt, ob es getan hat.

Nein, hat sie nicht. Sie hat keine bekommen, sagte sie.
„Fein“, habe ich gesagt, „dann schenke ich/wir dir eine zum Geburtstag“.
Daraufhin erwiderte meine Mutter: „Oh! Da freue ich mich drauf und auf die Eierrolle, die du mir machst, freue ich mich auch.“

Da musste ich ihr dann leider widersprechen – „Ich mache dir keine Eierrolle. Ich soll für dich nicht kochen, hast du gesagt. Ich darf doch auch nur kommen, weil ich die Fahrkarten schon habe.“

Diese simple Feststellung, der von ihr selbstbestimmten Tatsachen brachte viel Stimmung ins Telefonat. Jetzt bin ich natürlich albern. Die mit dem Dickkopf. Die Böse. Die Doofe. Die, die spinnt.

Mag sein, aber ich halte mich nur an die Ansagen. Ich habe mir das nicht ausgedacht.
Ja, ich bin jetzt stur, aber ich werde meiner Mutter an diesem Tag bestimmt nichts kochen. Sie wollte nicht.
Vielleicht nehme ich ihr etwas von hier mit. Am Vortag gibt es bei uns sowieso abends eine Eierrolle oder irgendetwas Ambulantes, weil wir nach des Gatten Tageswerk ins Schwimmbad gehen und erst spät am Abend noch eine Kleinigkeit essen. Davon kann ich etwas mehr machen und am nächsten Morgen mitnehmen.